Best Practices, Zukunftspotenzial und regulatorische Entwicklungen
Die Finanzindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel: Mit der weltweiten Einführung von ISO 20022, dem XML-basierten Standard für Finanznachrichten, werden Zahlungs- und Reportingprozesse grundlegend neu gestaltet. Für die Schweiz, ein Land mit starkem Fokus auf Exportgeschäft und grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, stellt diese Entwicklung zugleich eine Herausforderung wie auch eine bedeutende Chance dar.
Kürzlich führten wir ein Gespräch mit dem Branchenexperten Martin Walder, Head of Payment Standards bei SIX Interbank Clearing in der Schweiz. SIX ist aktiv in verschiedenen nationalen und internationalen Gremien zur Standardisierung des Zahlungsverkehrs engagiert. Im Interview erläuterte Walder, wie die Branche die Migration zu ISO 20022 umsetzt, welche Vorteile und Komplexitäten der Standard mit sich bringt und worauf sich Banken, Unternehmen und weitere Marktteilnehmer in den kommenden Jahren einstellen sollten.
Warum ISO 20022 relevant ist
ISO 20022 basiert auf einer XML-Struktur und hat sich als universelle Sprache des Zahlungsverkehrs etabliert. Der Standard zeichnet sich durch seine Zuverlässigkeit und Flexibilität aus: XML wird seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt und bietet sowohl eine stabile Syntax als auch Erweiterbarkeit für zukünftige Anforderungen. Kern von ISO 20022 ist ein global einheitliches Datenwörterbuch, das standardisierte Strukturen über alle Zahlungsprozesse hinweg sicherstellt und weltweite Konsistenz ermöglicht. Ebenso bedeutend ist die starke globale Governance, da sich Regulatoren und Marktinfrastrukturen zunehmend auf ein einheitliches Reporting-Framework ausrichten (Walder, 2025).
Im Zuge der fortschreitenden Standardisierung sieht ISO 20022 die Verwendung strukturierter Adressdaten vor. Mindestangaben sind unter anderem name, city/town und country code. Laut Walder wird diese Entwicklung primär durch regulatorische Anforderungen – insbesondere in den Bereichen Geldwäschereibekämpfung und Sanktionsscreening – vorangetrieben. Strukturierte Daten ermöglichen eine präzisere Datenabstimmung, reduzieren False Positives und beschleunigen Compliance-Prüfungen (Walder, 2025).
ISO 20022 erstreckt sich über die gesamte Zahlungskette – von Unternehmen über Banken bis hin zu globalen Marktinfrastrukturen. Der Standard gewährleistet strukturierte und standardisierte Daten vom Initiieren einer Zahlung bis zur finalen Gutschrift beim Empfängerinstitut. Für Unternehmen bedeutet diese End-to-End-Verarbeitung eine deutlich höhere Transparenz und bessere Nachvollziehbarkeit der Zahlungseingänge.
Im bisherigen MT940-Format wurden unterschiedliche Codes verwendet, um Transaktionstypen schnell zu identifizieren und eine automatisierte Verarbeitung zu ermöglichen. Mit ISO 20022 sind standardisierte Banktransaktionscodes sowie die Account Service Reference Number in den camt.052/053/054-Nachrichten (ISO-20022-Version eines Kontoauszugs) enthalten. Diese eindeutige Referenz wird durch das kontoführenden Institut vergeben und erlaubt eine klare Identifikation jeder Buchung. Dadurch werden Daten strukturierter und konsistenter, Abstimmungsprozesse erleichtert, Doppelzahlungen schneller erkannt und Transaktionen präziser nachverfolgt (Leone, 2025).
Diese Stärken verbessern nicht nur bestehende Prozesse, sondern eröffnen auch neue Möglichkeiten wie End-to-End-Validierungen, umfangreicheren Datenaustausch und verbesserte Compliance innerhalb der Referenz im XML-Code. Die Schweiz ist für diesen Wandel besonders gut positioniert: Strukturierte Referenzen werden hier bereits seit 1974 genutzt, und heute enthalten rund zwei Drittel aller Zahlungen solche Referenzen (Walder, 2025). Diese über 50-jährige Erfahrung bildet ein solides Fundament für die erfolgreiche Nutzung des vollen Potenzials von ISO 20022.
Globale Treiber der Veränderung
Die Migration erfolgt nicht isoliert. Zahlreiche externe Einflussfaktoren treiben die Einführung innerhalb von Swift und ISO 20022 voran.
- ISO (International Organization for Standardization) – Festlegung globaler Standards.
- HVPS+ – Definition von Best Practices für globale Zahlungs- und Marktinfrastrukturen.
- EPC (European Payments Council) – Gestaltung der regulierten europäischen Zahlungssysteme.
- CGI (Common Global Implementation) – Die weltweite Umsetzung von Corporate-to-Bank-Prozessen wird durch eine einheitliche Struktur und klare Richtlinien für die Implementierung von ISO 20022 vorangetrieben.
Angesichts des hohen Anteils an Exporten und grenzüberschreitenden Zahlungen ist die Ausrichtung der Schweiz an diesen Rahmenwerken von zentraler Bedeutung für das nationale Zahlungssystem (Walder, 2025).
Zentrale Vorteile für Unternehmen und Banken
- Erhöhte Transparenz in Kontoauszügen – Durch Account Service References und strukturierte Daten erhalten Unternehmen detailliertere und präzisere Informationen aus ihren Reportings (Walder, 2025).
- Umfassendere Daten für Compliance – Strukturierte Adressen werden zunehmend verpflichtend, reduzieren False Positives und unterstützen schnellere Screening-Prozesse (Walder, 2025).
- Strukturierte Verwendungszweckinformationen – Diese sind bereits Bestandteil von ISO 20022 und werden im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr im Rahmen von Swift CBPR+ schrittweise eingeführt. Mit dem Ende der Koexistenzphase im November 2025 und strengeren Validierungen ab 2026 müssen Unternehmen für eine konsistente Abstimmung zunehmend strukturierte Daten liefern. Für andere Anbindungskanäle wie EBICS oder Host-to-Host können bankenindividuelle Vorgaben gelten, weshalb Unternehmen ihre Prozesse je nach Kanal anpassen müssen (Leone, 2025).
- Abdeckung von Legacy- und zukünftigen Anforderungen – ISO 20022 enthält sämtliche Datenelemente der bisherigen MT-Nachrichten und stellt so die Kontinuität bestehender Prozesse sicher. Gleichzeitig führt der Standard umfangreichere und strukturierte Daten ein, um neuen Anforderungen und Innovationen zu unterstützen. Nach der Koexistenzphase werden MT-Nachrichten im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr vollständig abgelöst – ISO 20022 ist somit nicht nur eine Migration, sondern der langfristige Standard (Leone, 2025).
Herausforderungen bei der Migration
Die Umstellung auf ISO 20022 bringt mehrere Herausforderungen mit sich. Banken müssen ihre Systeme für neue Datenelemente, Regeln und Validierungen vorbereiten und gleichzeitig Versionswechsel managen – etwa den Übergang von unstrukturierten Adressen in Zahlungsaufträgen, die in der Schweiz noch bis November 2026 unterstützt werden, hin zu vollständig strukturierten Adressformaten (Walder, 2025). Darüber hinaus führen globale Unterschiede bei den Datenanforderungen, wie regionale Abweichungen in Adressstrukturen, zu einem Bedarf an hybriden Lösungen, um die Interoperabilität zu gewährleisten. Erfolgreiche Marktteilnehmer benötigen daher Systeme und Partner, die diese Komplexität aufnehmen können, ohne die Stabilität interner Prozesse zu gefährden (Walder, 2025).
Ausblick: 2027 und darüber hinaus
Ab 2027 wird mit einer breiteren Nutzung strukturierter Daten, zusätzlichen Datenelementen sowie stärker harmonisierten Implementierungsrichtlinien über Regionen hinweg gerechnet. Gleichzeitig werden häufigere Versionsupdates die Komplexität erhöhen, jedoch auch Raum für Innovation und umfassendere Datennutzung schaffen.
Zahlreiche Stakeholder sind in die Governance von ISO 20022 und dessen Gestaltung eingebunden, um Herausforderungen eines globalen Standards zu adressieren und Lösungen zu finden. Für Unternehmen und Banken bedeutet Vorbereitung nicht nur technologische Anpassung, sondern auch die Zusammenarbeit mit Partnern, die regulatorische Komplexität beherrschen, Compliance sicherstellen und operative Stabilität gewährleisten können. Regulatorische Anforderungen werden sich weiterentwickeln und zusätzliche Datenelemente in Zahlungsnachrichten erforderlich machen.
„Für die Zukunft braucht es Lösungen, die neue Möglichkeiten verarbeiten, Marktdifferenzen handhaben und gleichzeitig die Stabilität interner Prozesse sicherstellen“, so Walder (2025).
Fazit
Die Migration zu ISO 20022 stellt einen fundamentalen Wandel in der Finanzkommunikation dar. Für die Schweiz stärkt sie die Position als Standort für robuste, regelkonforme und international ausgerichtete Zahlungsabwicklung. Trotz bestehender Herausforderungen – von der Umsetzung strukturierter Daten bis zum Umgang mit neuen Versionen – sind die langfristigen Vorteile eindeutig: reichhaltigere Informationen, verbesserte Compliance und effizientere Zahlungsprozesse.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der engen Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Banken sowie zwischen nationalen Märkten und globalen Infrastrukturen. Wer sich heute vorbereitet, stellt nicht nur regulatorische Konformität sicher, sondern schafft auch die Grundlage, um das volle Potenzial von ISO 20022 künftig auszuschöpfen.
Q&A mit Martin Walder
Frage: Einige Kunden verwenden bereits pain.001 Version 3 mit strukturierten Adressen. Welchen Vorteil hätten die Kunden, wenn sie auf pain.001 Version 9 umsteigen, was die strukturierte Adresse betrifft?
Antwort: Hinsichtlich der Adressen gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden Versionen – beide unterstützen strukturierte und hybride Adressen. Der eigentliche Mehrwert zeigt sich in späteren ISO-20022-Versionen. Das aktuelle strukturierte Adressformat ist stark euro-amerikanisch geprägt und nicht immer optimal für Regionen wie Asien geeignet. Die neueste pain-Version (pain.001 Version 25) führt zusätzliche Elemente ein, die eine bessere globale Abdeckung ermöglichen. Auch wenn die aktuellen Versionen noch akzeptabel sind, sollten Unternehmen darauf vorbereitet sein, neue Möglichkeiten zu nutzen, sobald sich Standards weiterentwickeln. Entscheidend ist, ob interne Backend-Systeme oder Partner diese Änderungen bei künftigen regulatorischen Anpassungen verarbeiten können. Eine frühzeitige Vorbereitung vermeidet Störungen und sichert langfristige Compliance.
Frage: Warum sind strukturierte Adressen so wichtig?
Antwort: Korrekte und vollständige Adressen sind regulatorisch vorgeschrieben, insbesondere für Geldwäschereibekämpfung (AML) und Sanktionsprüfungen. Durch die Trennung einzelner Felder wie name, city/town und country code erhalten Banken präzisere Daten zur Beurteilung, ob eine Zahlung weiter untersucht werden muss, was die Anzahl von False Positives reduziert. Dies verbessert die Compliance-Prüfungen sowohl für Banken als auch für Zahlungsempfänger. Strukturierte Daten unterstützen zudem Validation-of-Payee-Prüfungen (VoP), da Informationen einfacher zugeordnet und verifiziert werden können. In der Schweiz werden zusätzliche Prüfungen durchgeführt, bei denen strukturierte Adressen das Mapping erheblich erleichtern. Mit der zunehmenden Verbreitung von Instant Payments sind strukturierte Adressen unerlässlich, da sie schnelle und zuverlässige End-to-End-Screenings innerhalb sehr kurzer Verarbeitungszeiten ermöglichen.
Frage: Wir nutzen derzeit pain.001 Version 2, pain.001 Version 3 sowie camt.052/53/54 Version 2. Wann ist für Unternehmen der richtige Zeitpunkt für den Versionswechsel?
Antwort: Der Zeitpunkt hängt massgeblich von den unterstützten Formaten der Banken ab. In der Schweiz wird pain.001 Version 3 noch bis November 2026 unterstützt, danach haben neuere Versionen Vorrang, auch wenn einzelne Banken ältere Formate noch für einen begrenzten Zeitraum akzeptieren könnten. Bei camt.052/53/54 Version 2 führt die Verwendung älterer Nachrichtenformate dazu, dass Informationen verloren gehen. Daher empfiehlt sich der Wechsel auf den camt.08 Standard, der aktuell in der Schweiz eingesetzt wird und Grundlage moderner Systeme ist. Im Jahr 2027 werden der zentrale Markt und Swift auf eine neuere Version umsteigen und ein weiterer Schritt wird definiert. Unternehmen sollten daher frühzeitig den Dialog mit ihren Banken suchen, um unterstützte Versionen zu klären und ihre Migration strategisch zu planen.
Walder, M. & Leone, P. (2025). XML Formats in Treasury: Best Practices, Future Potential & Regulatory Developments [Webinar]. Fides Treasury Services Ltd.